Blüten und Klänge:

Musik der Verletzlichkeit und der Kraft zur Gestaltung

Frühlingsblumen auf einem Notenblatt

Der erste Teil unserer Blogreihe „Blüten und Klänge“ widmete sich dem passenden musikalischen Rahmen für Trauerfeiern und „Celebrations of Life“. Von Klassik bis Pop, von still bis lebensbejahend haben wir dabei den Bogen gespannt.

Im vorliegenden Beitrag blicken wir hinter die Augenblicke großer Kunst, jenen seltenen Gelegenheiten, in denen ein tragisches Ereignis die Welt des Musikers erschüttert. Sein Leben und Werk verschmelzen für einen Moment besonderer Verletzlichkeit, der schließlich Millionen von Menschen – nicht nur aber vor allem auch im Rahmen eigener Verlusterfahrung – in seinen Bann zieht.

Eric Clapton – Tears in Heaven

Regenbogen bei Regen, Nasses Gras

Am 20. März 1991 verlieren der englische Gitarrist und Sänger Eric Clapton und seine Frau ihren 4-jährigen Sohn Conor durch einen tödlichen Sturz aus dem 53. Stock eines Hochhauses in Manhattan. In tiefer Trauer und Depression gelingt dem Musiker mit der Komposition “Tears in Heaven” der Befreiungsschlag. Anrührend, einfühlsam und ungewohnt zerbrechlich stellt der Künstler darin die Frage, ob sein Sohn ihn im Himmel wiedererkennen würde. In der zweiten Strophe antwortet der Vater: Nein, für ihn selbst sei der Augenblick des Abschieds noch nicht gekommen: „I must be strong and carry on“.

Ludwig van Beethoven – 9. Sinfonie in d-moll op. 125

Der langwierige Streit um das Sorgerecht für seinen Neffen Karl, Beethovens allmähliche Taubheit und seine soziale Isolation bilden den biographischen Rahmen für das Entstehen eines der bahnbrechendsten Werke der klassischen Musik. Die 9. Symphonie des Bonners vertont Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und entlädt sie in einem fulminanten Chorfinale. Am Ende der umjubelten Erstaufführung am 07. Mai 1824 im Theater am Kärntnertor in Wien kann Beethoven, inzwischen vollständig gehörlos, den Ovationen nur noch mit den Augen folgen.

Elton John – Candle in the Wind / Goodbye England’s Rose

Angezündete Kerze in der Dunkelheit

Die baladeske Anklage von Elton John und Bernie Taupin, die Film und Fernsehen mitverantwortlich für den Tod Marylin Monroes macht, erscheint erstmals 1973 unter dem Titel “Candle in the Wind”. Anlässlich der Trauerfeier für Prinzessin Diana am 06. September 1997, fast 25 Jahre später, wird die Komposition überarbeitet. Die Parallelen zwischen beiden Frauen – weltberühmt, von den Medien verfolgt und früh verstorben – treffen sich in dem Bild der “Kerze im Wind”, Symbol für Flüchtigkeit und Verletzlichkeit.

Johann Pachelbel – Musicalische Sterbens-Gedancken

Der Tod ist kein exklusives Thema der Moderne – schon im Barock war er allgegenwärtig. Pachelbel verliert 1683 seine Frau Barbara Gabler und den gemeinsamen Sohn an die Pest. 30 Jahre jung verarbeitet der Komponist, Organist und Musiktheoretiker dieses Schicksal vor allem in der Sammlung „Musicalische Sterbens-Gedancken“. Sie reicht von innerer Stille über Melancholie bis hin zu trostvoller Harmonie. In unruhigen Zeiten antwortet die klare Struktur der Musik auf die Bedürfnisse nach Geborgenheit und spiritueller Orientierung.

Unheilig – Geboren, um zu leben

Wolkenhimmel mit Sonnenschein

Bernd Heinrich Grafs unter dem Interpretennamen “Unheilig” veröffentlichtes Stück “Geboren, um zu leben” spricht vielen aus der Seele, die nach dem Verlust eines lieben Menschen um Halt, Orientierung und Gleichgewicht ringen. “Der Tod meines Freundes” – so Graf – “hat mich tief getroffen und inspiriert, diesen Song für ihn zu schreiben“. Der Künstler stellt die sowohl die Erinnerung an die gemeinsame Zeit als auch das Wissen um die Kostbarkeit des Lebens in den Mittelpunkt des Songs.

Herbert Grönemeyer – Der Weg

Der Verlust seiner Ehefrau und seines Bruders, die beide kurz nacheinander sterben, werfen Herbert Grönemeyer im Spätherbst 1998 aus der Bahn. Grönemeyer zieht sich zurück, verarbeitet seine Trauer fern der Öffentlichkeit. Erst vier Jahre später erscheint das Album „Mensch“, auf dem „Der Weg“ zu finden ist. Zeilen wie „Ich kann nicht mehr sehen / Trau’ nicht mehr meinen Augen / Kann kaum noch glauben / Gefühle ha’m sich gedreht / Ich bin viel zu träge / Um aufzugeben / Es wär‘ auch zu früh / Weil immer was geht” beschreiben eindrücklich den emotionalen Ausnahmezustand. Es ist eine ausdrucksstarke Chronik herzergreifender Einsichten zwischen Vergänglichkeit, Dankbarkeit, Skepsis und Aufbruch.

Adele – Someone like you

Die Vorstellung des von ihr komponierten Titels “Someone like you” im Rahmen der BRIT Awards 2011 beendet die Londonerin Adele Laurie Blue Adkins, genannt Adele, in einem Meer aus Tränen. Wir erleben ein bewegendes Stück Musik, das im frischen Trennungsschmerz nichts zurückhält. In ihrer von Don Wilson puristisch um das Klavier arrangierten Ballade singt sich die Engländerin Enttäuschung und Desillusionierung aus Leib und Seele. Adele selbst sagt über den Auftritt: „Ich habe mich befreit.“ Und mit ihr viele andere, die ähnliche Gefühle kannten.

Hildegard Knef – Wer war froh, daß es Dich gab’?

Es ist die Frage der Fragen eines Indianerstammes an seine Sterbenden: “Wer war froh, daß es Dich gab’? Hildegard Knef ist so hingerissen von dieser prägnanten Frage nach dem Sinn des Lebens, daß ihr – vertont von Hans Hammerschmid – 1966 damit ein für sie typisches Stück Musik gelingt. Die Komposition reflektiert ihr eigenes, oft mißverstandenes Ringen um Wertschätzung und Zugehörigkeit. Musikalisch erreicht sie eine Generation, die – so wie die Knef – nach dem totalen Zusammenbruch mit den Herausforderungen aus Niedergang, Verlust, Neubeginn, Unsicherheit und Erwartungshaltung kämpft. Jahrzehnte später erlebt das Lied auf dem Album „17 Millimeter“, produziert von Til Brönner, ein neues, überwältigendes Echo.

Andreas Gabalier – Amoi seg’ ma uns wieder

Bergpanorama mit Sonnenaufgang

Der österreichische Musiker Andreas Gabalier verliert 2006 seinen Vater Wilhelm und 2008 seine Schwester Elisabeth durch Suizid. Über den selbstbestimmten Tod von Vater und Schwester Elisabeth findet der 23-jährige Kärtner sehr persönliche Worte der Betroffenheit“: Amoi seg’ ma uns wieder” (“Einmal sehen wir uns wieder”) – die Zuversicht, beiden in einer anderen Welt wiederzubegegnen. Das Lied wurde zu einem der bekanntesten deutschsprachigen Abschiedslieder. Gabalier ist dankbar, mit dieser Komposition so viel Trost spenden zu können: “Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht auf diesen Song angesprochen werde. Denn jeder erlebt persönlich emotionale Abschiede, das macht dieses Lied für viele so besonders.”

Und viele andere…

Auch diese Songs sind Ausdruck von Verlust, Erinnerung, Neubeginn:

  • The BeatlesLet it be
  • Xavier NaidooAbschied nehmen
  • Boomtown RatsI Don’t Like Mondays
  • Udo LindenbergHorizont
  • Pink FloydWish You Were Here
  • SilbermondDas Beste
  • Simon & GarfunkelBridge Over Troubled Water
  • GlashausHaltet die Welt an
  • Diana RossMissing You
  • Sarah ConnorDas Leben ist schön
  • Leonard CohenSo Long, Marianne

Musik, die aus Verlusterfahrungen entsteht, zeigt die Künstler meist auf einem Höhepunkt ihres Schaffens. Den Zuhörern offenbart sich Menschlichkeit – ungefiltert, verletzlich, aber auch die Gestaltungskraft, solche Ereignisse immer wieder hinter sich zu lassen und gestärkt aus ihnen hervorzugehen.