Motto Sonnenschein: „Verbringe deine Zeit mit Menschen, die sich nach Sonnenschein anfühlen“

Interview mit Katharina Neusiedler, Bestatterin

Katharina, steht Ihr Beruf nicht im Gegensatz zu Ihrem persönlichen Lebensmotto „Sonnenschein“?

Ich denke, dass es gerade in einem Beruf wie diesem, in dem es hauptsächlich um Schicksalsschläge, Verlust und Trauer geht, wichtig ist, ein Bewusstsein für die Sonnenschein-Momente im Leben zu entwickeln. Ich empfinde meine Arbeit und mein Motto nicht als konträr, sondern viel eher als zwei Komponenten, die sich ergänzen.

Durch welche Gesten und Handlungen gelingt es Ihnen, Angehörigen ein Gefühl von Sonnenschein zu vermitteln?

Bevor ich in ein Beratungsgespräch gehe, weiß ich, dass ich tatsächlich die „letzte Person“ bin, die diese Menschen gerade sehen wollen. Niemand geht gerne zum Bestatter. Niemand möchte mit einem Fremden darüber sprechen, einen seiner Lieben beerdigen zu müssen. Und trotzdem sind unsere Kunden in dieser Situation auf uns angewiesen.

Und genau hier beginnt der Sonnenschein-Moment. Vielleicht auch nur in Form von kleinen Sonnenstrahlen: Im Laufe dieses Gesprächs werden nicht nur organisatorische Fragen geklärt, es wird auch Raum für Erinnerungen, Sorgen, vielleicht Ängste und natürlich Trauer geschaffen.

Das Wichtigste: Aufmerksam zuzuhören

Auch wenn dieser Beruf mein Alltag ist, ist mir klar, dass es für den Menschen, der gerade vor mir sitzt, die absolute Ausnahmesituation darstellt.Ich kann den Familien, den Menschen, den sie verloren haben, nicht zurückgeben. Aber ich kann Ihnen ein offenes Ohr schenken und sie in dieser schweren Zeit entlasten: Ich übernehme nicht nur die administrative Organisation für eine Bestattung, sondern schenke Ihnen die Sicherheit eines tröstenden Abschieds.

Während meines Beratungsgespräches stelle ich oft fest, dass sich der Ausdruck in den Augen der Angehörigen, der anfänglich oft distanziert, in seltenen Fällen sogar ablehnend ist, langsam verändert in: Dankbarkeit. Erleichterung. Zuversicht.

Vielleicht ein Zeichen dafür, dass es mir gelungen ist, ihnen ein paar Sonnenstrahlen in dieser dunklen Zeit zu schicken.

Auf welche Weise füllen Sie Ihr eigenes Sonnenschein-Konto immer wieder auf?

Ich sammle Dankeskarten und gute Rückmeldungen, aber auch liebe Emails von Angehörigen und Kollegen. Nicht immer stehe ich in der Früh auf und fühle mich gut, da lese ich mir diese Worte gerne durch. Manchmal muss ich mich erst wieder daran erinnern, wie viel Sonnenschein in mir steckt.

Was sind Sonnenscheinmomente für Sie?

Mein Sonnenschein-Moment im Beruf ist definitiv ein ehrliches „Danke“ meiner Angehörigen.  Es tut gut, ihnen nach einem Gespräch die Hand zu reichen und in ihren Augen zu sehen, dass ich wirklich helfen konnte. Aber auch eine schöne Zeit im Büro mit Kollegen: ein herzliches Lachen, ein kurzer Austausch, oder auch mal eine stützende Schulter in schwierigen Situationen.

Glauben Sie, dass Sie andere, nicht nur Angehörige, sondern auch Ihre Kollegen mit Ihrem Sonnenschein anstecken können?

Definitiv. Oft geht es schon am Morgen mit der Begrüßung los. Ein fröhliches „Guten Morgen“, ein „Ich habe dir einen Kaffee gemacht“ oder auch einfach ein kurzer Anruf, um sich nach dem anderen zu erkundigen. Im Grunde tut es doch jedem gut, von seinen Kollegen gesehen zu werden und das auch gezeigt oder gesagt zu bekommen.

Im Interview:

Katharina Neusiedler

  • 23 Jahre jung
  • fröhlich, begeisterungsfähig, empathisch, verantwortungsbewusst
  • Bestattungsfachkraft, angehende Bestattermeisterin